Meine selbstbestimmte Geburt

Für diesen Artikel über die Geburt unserer zweiten Tochter habe ich mich von dem Buch „Alleingeburt“ von Sarah Schmid inspirieren lassen. In dem informativen und Mut machenden Buch hat sie in den letzten Kapiteln andere Mütter über ihre Hausgeburten und Alleingeburten interviewt. Einige Fragen, die sie ihnen gestellt hat, möchte ich euch hier über meine selbstbestimmte Geburt beantworten. Das Schlusswort wird dabei mein Mann mit seiner Sicht auf die Geburt haben.

Aylin Scherzer, 28                 Florian Scherzer, 38

Beruf: Autorin                       Beruf: Entwicklungsingenieur

1. Kind: Mädchen (2,5 Jahre), Geburt im Geburtshaus

2. Kind: Mädchen, geplante Hausgeburt

Aylin, wann hattest du das erste Mal die Idee, ohne Hebamme zu gebären?

Ich hatte die Vermutung, dass der Geburtszeitraum ungenau berechnet worden war und dass mein Baby bereits vor der Rufbereitschaft unserer Hausgeburtshebamme kommen könnte. Deshalb habe ich mich über das Thema Alleingeburt informiert. Ins Krankenhaus zu gehen war für mich nie eine Option, da ich mich dort weder wohl noch sicher fühlen könnte. Bereits bei der Geburt unserer ersten Tochter im Geburtshaus war es mir sehr wichtig, natürlich und ohne Interventionen zu entbinden, um einen guten Stillstart zu haben und eine liebevolle Bindung zu ihr aufbauen zu können.

Wen hast du in dein Vorhaben eingeweiht?

Von der geplanten Hausgeburt wussten unsere Familien und Freunde, wodurch wir mit genug nervigen Kommentaren und fremden Ängsten konfrontiert wurden. Dass ich mir offen ließ, wann wir die Hebamme anrufen würden, wussten nur mein Mann und zwei sehr enge Freundinnen. Ich stellte es mir am schönsten vor, wenn die Hebamme erst nach der Geburt zu uns kam, damit ich ganz in Ruhe für mich gebären konnte.

Wie verlief die Schwangerschaft und von wem hast du dich begleiten lassen?

Ich hatte auch beim zweiten Mal eine Musterschwangerschaft und bei allen Vorsorgeuntersuchen bei unserer verständnisvollen Hebamme war ich im perfekten Mittelmaß. Zum Frauenarzt ging ich in dieser Schwangerschaft gar nicht, da ich dort bereits in der ersten Schwangerschaft schlechte Erfahrungen gemacht hatte und mir nur unnötige Sorgen gemacht werden würden. Wir ließen einen einzigen Ultraschall (den 2. großen Ultraschall) bei einem befreundeten Arzt machen, da wir gern das Geschlecht erfahren wollten.

Warum hast du die Geburt in Eigenregie für dich gewählt?

Bei der ersten Geburt hatte ich die Verantwortung an die Hebammen abgegeben und konnte mit den Wehen nicht gut umgehen. Nun wollte ich selbst die Verantwortung für mich, meinen Körper und mein Baby übernehmen und selbstbestimmt gebären, ohne von irgendjemandem dabei gestört oder beeinflusst zu werden.

Wie verlief die Geburt?

Ich hatte bereits Wochen vor der Geburt Kontraktionen und in zwei Nächten längere Zeit Vorwehen. Deshalb war ich sehr überrascht, dass die Geburt erst Anfang Februar stattfand. In der Nacht auf den 6.2.2019 war es dann soweit. Ich brachte unsere 2,5-jährige Tochter Lana ins Bett und mein Mann Flo ging auch schlafen. Ich konnte nicht schlafen oder liegen, da ich ab 22 Uhr ein Ziehen im Unterleib spürte. Also stand ich wieder auf und beschäftigte mich. Ich konnte die Füße unseres Babys oben im Bauch deutlich spüren. Zum Glück lag es mit dem Kopf nach unten gut im Becken, was ich von unserer Hebamme wusste. Die Wehen wurden intensiver und regelmäßiger. Ich ging ins Wohnzimmer und bereitete den Geburtsplatz vor, da ich mir nun sicher war, dass unser Kind in dieser Nacht zu uns kommen würde. In der nächtlichen Stille fühlte ich mich daheim sehr wohl. Ab 24 Uhr wurden die Wehen schmerzhafter. Ich setzte mich auf unseren großen Gymnastikball und atmete tief in den Bauch. Dabei sah ich mir eine wunderschöne Zeichnung von der Geburt eines Babykopfes aus einer Blüte an, die mir eine liebe Freundin geschenkt hatte. Direkt daneben lag der Spruch: „Ich schaffe das!“ Ich stöhnte immer wieder „auf“ und versuchte mich zu entspannen und gut zu öffnen. Die Wehen kamen nun alle 5 Minuten. Ich kam gut zurecht und das Atmen half mir gegen die Schmerzen. In den Wehenpausen machte ich mir über den Fortschritt der Eröffnungsphase Notizen, um später nichts zu vergessen. Gegen 1:30 Uhr wurde Lana wach und wollte stillen. Ein paar Wehen verbrachte ich mit ihr im Arm, dann ging es für mich nicht mehr. Flo lenkte Lana ab, damit ich mich auf die Geburt konzentrieren konnte. Kurz vor 3 Uhr erkannte ich, dass ich in der Übergangsphase war, da ich zitterte und mir gleichzeitig heiß und kalt war. In dem Moment konnte ich das Feuer in unserem Kaminofen nicht mehr genießen. Unser Baby stieß sich mit den Füßen oben ab und arbeitete super mit, während ich mich im Vierfüßlerstand befand und mit den Armen auf einen kleinen Hocker stützte. Ab kurz vor 4 Uhr empfand ich die Wehen als sehr schmerzhaft. Ich war langsam erschöpft und müde. Aber die Wehenabstände wurden überraschender Weise wieder länger. Bewegung tat mir gut und Flo ließ mir ein Bad ein. Als ich in der Badewanne saß, wollte Lana auch gern baden. Schließlich plantschte sie eine Weile neben mir im Wasser, bis wir um 5:30 Uhr wieder ins Wohnzimmer gingen. Ich merkte, dass die Geburt nicht mehr wirklich voran ging und keine Presswehen kamen. Auch Beckenkreisen half nicht weiter. Mein Mann schlug vor, nun die Hebamme anzurufen, da wir ihr vertrauten und sie mir bestimmt gut weiterhelfen konnte. Ich stimmte ihm zu, da ich die Hebamme gern fragen wollte, welche Position und welche Atemtechnik gerade am sinnvollsten waren. Deshalb rief mein Mann unsere Hebamme kurz vor 6 Uhr an und beschrieb die Lage. Lana war nun extrem müde und wollte von mir ins Bett gebracht werden. Da ich wusste, dass Stillen die Wehen fördert, legte ich mich kurz mit ihr ins Bett, um sie in den Schlaf zu stillen. In dem Moment spürte ich etwas und da platzte auch schon die Fruchtblase in dem nichtabgedeckten Bett. Flo eilte mit Handtüchern herbei und Lana war wieder wach. Daraufhin brachte er sie einen Stock höher zu seinen Eltern, die sich gut um Lana kümmerten. Als die Hebamme kurz nach 6:30 Uhr eintraf, hatte ich bereits starke Presswehen und konnte nicht mehr leise sein. Ich hatte seit der ersten Geburt vergessen, wie extrem es wehtut, wenn es sich so anfühlt, als würde ich unten auseinander gerissen werden. Die Presswehen kamen schnell hintereinander und ich klammerte mich auf Knien an dem Hocker und an Flos Hand fest. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor und die Schmerzen wirkten unerträglich. In dem Moment wollte ich die Geburt endlich hinter mir haben. Unsere Hebamme hatte sofort gemerkt, wie weit ich war und stellte einen Gebärhocker bereit. Doch die Abstände zwischen den Presswehen wurden wieder länger, was mich wunderte. Ich wollte von der Hebamme so wenig wie möglich untersucht werden. Sie respektierte das vollkommen und tat nichts ohne mein Einverständnis. Flo und die Hebamme halfen mir noch einmal in die Badewanne und hielten auf meinen Wunsch hin meine Hände bei jeder Wehe fest. Danach gingen wir wieder ins Wohnzimmer. Unsere erfahrene Hebamme merkte bereits, dass unser Baby diese Zeit noch brauchte und der Kopf nur langsam weiter nach unten trat. Sie beruhigte mich und sagte mir, wie ich ruhig atmen konnte. Ich sollte nur pressen, wenn es nicht anders ging. Schließlich war der Pressdrang so stark, dass ich mit jeder Wehe mitpressen musste. Ich spürte, wie der Kopf durch den Muttermund trat. Am Schluss der fast 2-stündigen Austreibungsphase saß ich auf dem Gebärhocker. Flo saß hinter mir, stützte mich und ich hielt seine Hände fest umklammert. Vor mir kniete die Hebamme und konnte sehen, als der Kopf geboren war. Die nächste Presswehe ließ gefühlt ewig auf sich warten. Dann konnte ich endlich den Körper gebären und unsere Hebamme nahm das Baby auf. Flo half mir mich hinzulegen und die Hebamme legte unser Baby sofort auf meine Brust und deckte uns mit Handtüchern zu. Erst nach der ersten Erleichterung dachten wir daran, nach dem Geschlecht zu schauen. Unsere Tochter Kim war um 8:25 Uhr gesund daheim geboren worden!

Nach einer Weile konnte ich die Plazenta vollständig gebären, ich musste nicht genäht werden und alles war in Ordnung. Unsere Hebamme erzählte uns, dass Kim bei der Geburt die Nabelschnur um den Hals gehabt hatte. Das ist an sich nicht gefährlich, da die Babys über die pulsierende Nabelschnur dennoch gut versorgt werden. Doch bei mir war die Nabelschnur auch noch sehr kurz gewesen. Das bedeutet, dass Kim deshalb ihre Zeit während den Wehen gebraucht hatte, um nicht in Not zu geraten. Die Hebamme hatte die Herztöne der Kleinen durchgehend kontrolliert und sich bereits gedacht, dass die längeren Wehenpausen einen guten Grund hatten. Bei einem späteren Gespräch fragte ich sie, ob sie mit dem Wissen trotzdem die Hausgeburt gemacht hätte. Sie meinte: „Auf jeden Fall! Im Krankenhaus hätte es gefährlich werden können. Wenn es irgendjemandem nicht schnell genug gegangen wäre und er dir ein wehenförderndes Mittel gegeben hätte oder auf andere Weise eingegriffen hätte, hätte eure Tochter richtig in Stress geraten können. Dann wäre die Geburt mit Sicherheit anders verlaufen.“ Ich bin unendlich dankbar für die Erfahrung und die wertvolle Geduld unserer Hausgeburtshebamme! Obwohl ich während der Geburt davor allein gut zurechtkam, war es während der letzten Phase ein unglaublicher Segen, dass unsere kompetente, vertrauensvolle Hebamme bei uns war und mich so warmherzig unterstützte. Ich bin glücklich, dass ich die Geburt unserer zweiten Tochter so selbstbestimmt in unserem Zuhause erleben durfte!

Wie hast du dein Wochenbett erlebt?

Ich fand den Start ins Wochenbett mit Baby und Kleinkind nicht leicht und hatte unangenehme Nachwehen. Zum Glück hatte ich keine schlimmen Geburtsverletzungen und wurde schnell wieder fit. Auch das Tandemstillen war zuerst eine große Herausforderung. Ich hatte nach dem Milcheinschuss zum Glück mehr als genug Milch für beide und unsere kleine Tochter trank sehr gut. Unsere wundervolle Hebamme kam am Anfang jeden Tag zu uns und stand uns mit Rat und Tat hilfreich zur Seite. Sie wog unsere kleine Tochter, überprüfte, dass der Bauchnabel gut verheilte und es ihr auch sonst rundum gut ging. Dass wir dennoch in den ersten 10 Tagen zur U2 zum Kinderarzt fahren mussten, fand ich absolut unnötig und stressig. Mit gesunden Kindern in eine Praxis voller kranker Kinder zu gehen, nur um noch einmal von einem Arzt zu hören, dass unsere Tochter gesund ist, hätte ich uns gern erspart. Meine lieben Schwiegereltern versorgten uns jeden Tag mit einem vollwertigen Essen, wodurch wir die wertvolle, erste Kuschelzeit daheim gut genießen konnten. Nun ist es wunderschön zu viert im Familienbett zu schlafen. Lana ist es noch nicht gewöhnt den Platz bei mir zu teilen, aber sie ist von ihrer kleinen Schwester hin und weg. Sie streichelt Kim ganz vorsichtig, will sie am liebsten herumtragen und gibt ihr unendlich viele Bussis.

Was würdest du werdenden Müttern mit auf den Weg geben?

Vertraut auf eure innere Kraft und die Natur. Wir Frauen sind dazu fähig zu gebären. Lasst euch diese unglaubliche Leistung von niemandem absprechen. Übernehmt die Verantwortung für euch, euren Körper und eure Familie!

Flo, wie war es für dich, dass sich deine Frau eine selbstbestimmte Hausgeburt wünschte?

Nach der ersten Geburt im Geburtshaus war ihr Wunsch für mich nicht mehr ungewöhnlich. Da bei Lanas Geburt im Geburtshaus alles gut gelaufen war, konnte ich mir eine Hausgeburt nun auch gut vorstellen. Außerdem weiß ich, dass meine Frau sich auf alles sehr genau vorbereitet und sich viele Gedanken macht. Ich vertraute auf die Natur und auf meine Frau.

Wie war die Geburt deiner zweiten Tochter für dich?

Während einer Geburt ist es für einen Mann immer schwer, seine Frau leiden zu sehen und ihr nicht direkt helfen zu können. Doch das gewohnte Umfeld und unsere erfahrene Hebamme haben mir das Gefühl von Sicherheit gegeben. Meiner Frau die Hand zu halten, hat mir das Gefühl vermittelt, ihr ein wenig Unterstützung geben zu können. Als unsere Tochter dann geboren war, war die Freude natürlich groß, dass alles gut verlaufen ist und es Aylin und Kim gut geht.

Wir haben uns alle unendlich in unsere kleine Kimi verliebt!

Das könnte Dich auch interessieren …