Angst vor schlechten Noten

Mit Tränen in den Augen sieht Anna mich an. Sie ist 11 Jahre alt und geht in die 5. Klasse eines Gymnasiums. „Ich hatte in der Ex wieder eine 5“, schluchzt sie und senkt beschämt den Blick. Ich schluckte. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass das nicht so schlimm ist. Eine schlechte Note ist kein Weltuntergang. Aber das kann ich als Nachhilfelehrerin schlecht machen. Vor allem da Annas Eltern das ganz anders sehen. Jeden Tag geht Anna mit der Angst zu versagen in ihre Schule, gesteht sie mir. Ich kenne diese Dauerbelastung aus meiner eigenen Schulzeit. Es ist, als würde durchgehend ein schwerer Stein auf deinem Herzen liegen.

„Wir werden es zusammen schaffen, dass du Mathe besser verstehst“, versuche ich dem jungen Mädchen Mut zu machen. Anna nickt und sieht traurig zu Boden. „Auf welcher Note stehst du im Moment?“, frage ich sie. „Auf einer 4“, murmelt Anna. „Dann werden wir dafür sorgen, dass das so bleibt oder noch besser wird“, meine ich. Anna sieht mich überrascht an. „Mit einer 4 bestehst du die Klasse“, erkläre ich ihr. „Und im nächsten Schuljahr können wir versuchen, dass du von Anfang an bessere Noten schreibst.“ Das scheint Anna tatsächlich neue Hoffnung zu machen. Den meisten Schülern ist gar nicht bewusst, dass im neuen Schuljahr wieder alles möglich ist. Wenn man keine zu großen Lücken im Unterrichtsstoff hat, kann man in der nächsten Klasse bei einem anderen Lehrer auch ganz andere Noten schreiben.

Wenn man dann erst mal seinen Abschluss hat, interessiert keinen mehr, wie gut man in den vergangenen Jahren in allen Fächern war. Nach meinem Abitur hat mich niemals jemand gefragt: „Und welche Note hattest du in der 8. Klasse in Latein im Jahreszeugnis?“ Das interessiert niemanden mehr, weil es komplett unwichtig ist. Diese eine Note entscheidet nicht über deine Weiterbildung, deinen zukünftigen Arbeitsplatz oder dein Lebensglück. Aber für viele Kinder fühlt es sich genau so an. Als würde die Welt untergehen! Es ist ein grauenvolles, erniedrigendes Gefühl seine Eltern zu enttäuschen und zu denken, man hätte versagt.

Immer viel zu lernen

„Ich brauche aber unbedingt gute Noten in meinem Abi “, meint Anna nun. Ich hebe überrascht die Augenbrauen. Als Fünftklässlerin habe ich ganz sicher noch nicht an mein Abitur gedacht. „Bis dahin hast du noch viel Zeit“, erkläre ich ihr. „In deinen letzten Schuljahren ist noch alles möglich.“ Ich denke daran, dass ich es in der Kollegstufe in Latein endlich auf eine 3 geschafft und mich darüber sehr gefreut hatte. „Ich brauche ein 1er Abi“, sagt Anna. „Ich will nämlich Ärztin werden!“ „Oh, das ist schön!“, meine ich. „Ist das wohl dein Traumberuf?“ „Na ja“, antwortet Anna. „Da verdien ich dann ganz viel Geld. Mein Papa fährt nämlich Taxi und sagt immer, dass ich es besser machen soll als er. Damit ich mal mehr verdiene und es einfacher habe!“

Ich nicke. Ich verstehe meine Nachhilfeschülerin. Aber ihren Vater verstehe ich nicht. Denkt er wirklich, dass es seine Tochter mit diesem Leistungsdruck besser haben wird als er? Ihre ganze Kindheit und Jugend wird sie versuchen gute Leistungen zu bringen, um dieses Ziel zu erreichen, das nicht einmal ihr eigener Wunsch ist. Ich weiß leider, dass auch ein gutes Abschlusszeugnis keine Garantie für einen gutbezahlten Job ist. Nach der Schule hat man so viele Möglichkeiten, aber die Sicherheit von einem guten Job leider nicht. Allerdings ist sicher, dass Anna die nächsten Jahre keine Ruhe und Zufriedenheit haben wird. Jedes Jahr muss sie auf der Jagd nach guten Noten sein. Unter einer unbelasteten Kindheit und glücklichen Jugend stelle ich mir etwas anderes vor, als unter Dauerstress zu stehen und ständige Panik vor schlechten Leistungsbewertungen haben zu müssen.

Ich verstehe nicht, dass sich so viele Eltern davor fürchten, dass ihre Kinder später keinen Erfolg oder nicht viel Geld haben könnten. Den Satz „Aus dir soll ja etwas werden!“ finde ich ganz furchtbar. Ein Kind ist bereits etwas! Ein liebevolles, vollkommenes, kleines Menschlein! Wieso muss man erst etwas anderes werden oder etwas arbeiten, um sich zu beweisen? Wieso müssen Kinder so hart dafür kämpfen, dass ihre Eltern mit ihnen zufrieden und stolz auf sie sind? Es fühlt sich fast an, als müsste man sich die Liebe seiner eigenen Eltern verdienen!

Aber ich verstehe, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Nur verstehe ich unter „das Beste“ etwas völlig anderes. Was bringt einem eine finanziell sichere Zukunft, wenn man mit seinem Leben und seinem Beruf gar nicht glücklich ist? Mein größtes Ziel ist es gesund und glücklich zu sein! Erfolgreich zu sein ist nicht unter meinen obersten Prioritäten. Wenn meine Tochter später etwas tun wird, das ihr Freude macht und sie so leben kann, wie es sie glücklich macht, werde ich die glücklichste Mutter sein!

Gesund & Glücklich

Doch das alles sage ich Anna nicht. Ihr geht es wie fast allen meinen Nachhilfeschülern. Egal ob sie ins Gymnasium, in die Realschule, Hauptschule oder sogar noch in die Grundschule gehen. Auf allen lastet ein unglaublicher Erwartungs- und Leistungsdruck. Ein Schüler in der 4. Klasse erzählte mir einmal, dass seine Eltern ihn immer mit seinem Cousin vergleichen, der in seiner Parallelklasse viel bessere Noten hat. Solche Vergleiche tun einfach nur weh! Jeder Mensch ist anders, hat andere Stärken, Schwächen und einfach andere Interessen. Aber eine Schule macht die Kinder so vergleichbar. Ständig muss man sich mit Gleichaltrigen messen und die anderen übertrumpfen. Das ist etwas, das jedes Schulkind auf jeden Fall lernt. Sich mit anderen zu vergleichen und dabei immer schlecht zu fühlen, weil es immer jemanden gibt, der in irgendetwas „besser“ ist.

Alle unsere Kinder sind unglaublich begabt! Doch jedes Kind kann etwas anderes ausgezeichnet. Egal, ob es gut rechnen, auf einen Baum klettern oder durch den Regen tanzen kann. Unsere Kinder sind absolut einzigartig mit einzigartigen, fantastischen Fähigkeiten. Kein Mensch sollte auf irgendwelche Noten in einem Zeugnis reduziert werden! Deshalb habt bitte Verständnis für eure Schulkinder und schenkt ihnen eure bedingungslose Liebe!

 

Literaturempfehlung: „Jedes Kind ist hoch begabt“ von Gerald Hüther und Uli Hauser

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